Zur Gefahr und der Problematik des Familienaufstellens

 

„Das Familienaufstellen ist ein mächtiges Instrument.
Man sollte es stets anwenden mit Zittern und Zagen.“
Bert Hellinger

Das Familienstellen wird von außen betrachtet gerne als eigenständige Therapie angesehen. Das ist falsch. Vielmehr ist es eine therapeutische Technik, die innerhalb einer Psychotherapie zum Einsatz kommen kann. In den richtigen Händen (d.h. bei einem gut ausgebildeten, erfahrenen und von der Persönlichkeit integrem Therapeuten durchgeführt) kann es eine ungemein intensive, äußerst tiefgehende und vor allem auch nachhaltige Wirkung haben. Dies liegt nicht nur an der großen Anschaulichkeit, mit der Erkenntnisse vermittelt werden, sondern auch daran, dass den emotionalen Aspekten des Begreifens (und Umsetzens) Rechnung getragen werden. Die wahre Erkenntnis geht nun mal weniger über den Kopf als über das fühlende und bildhafte, erlebnisnahe Verstehen. Vor allem aber werden Lösungen erfahrbar gemacht, die auf andere Weise, etwa durch ein therapeutisches Einzelgespräch, oft nur schwer oder gar nicht vermittelbar wären – die aber für eine umfassende Therapie unerlässlich sind. Insofern sehe ich das Familienstellen als ideales Instrument an für eine ernsthafte Psychotherapie, auf das ich ungern verzichten möchte.

Dies ist letztendlich auch der Grund für den ungeheuren Erfolg des Hellinger’schen Familienaufstellens. Das Familienstellen ist erfolgreich und effektiv, auch wenn einige Kritiker sich hartnäckig weigern, dies zu akzeptieren. Man muss im Grunde von einem regelrechten Boom sprechen, der seit dem Erscheinen des ersten Buches von Bert Hellinger[1] eingesetzt hat. Inzwischen ist die größte Welle abgeebbt, das Spektakuläre ist etwas normaler geworden, vieles aus dem Verfahren ist sogar Allgemeingut geworden. Es gibt inzwischen weltweit Institute, die das Familienstellen nach Hellinger praktizieren und lehren, so in fast Ländern Europas, in Russland, den USA, Kanada, Südamerika, Mexiko, in Japan, China, Korea, Südafrika, Australien, der Türkei und Israel.

Das große Problem dabei ist nun, dass dieses so intensive Verfahren, das wirklich vieles in Bewegung setzen kann, in den falschen Händen verwirrend, destabilisierend, ja sogar schädlich sein kann. Alles was wirkt, kann natürlicherweise auch negativ wirken. Dieser Umstand wird innerhalb der Hellinger-Szene weitgehend bagatellisiert. Stattdessen gibt es zahlreiche Ausreden, die vor allem dazu dienen, den Therapeuten zu entlasten, und die Schuld für therapeutische Nichtgelingen oder schlechte Ergebnisse auf den Klienten oder ein „größeres Schicksal“ abzuwälzen.

Viele dieser „Therapeuten“ hätten auch allen Grund dazu, sich weitgehend zu entlasten. Sie beherrschen das komplexe Verfahren nämlich nicht. Der größte Teil derer, die sich in ihrer therapeutischen Arbeit auf Hellinger berufen, sind weder Ärzte noch Psychologen, geschweige denn, dass sie fundierte therapeutische Ausbildungen vorweisen können. Nicht eben wenige boten bereits Kurse an, ohne je eine Aufstellung gesehen zu haben geschweige denn in einer mitgewirkt zu haben. Vor allem in der Esoterik-Szene wird eifrig aufgestellt, und ich habe in mehreren Esoterik-Zeitschriften schon gelesen, dass der Leiter eines Aufstellungskurses keinerlei Ausbildung bräuchte, weil das „wissende Feld“[2] oder die „große Seele“ alles trage, der Therapeut sei eher eine Art Medium, der lediglich das Setting zur Verfügung stelle.

Dass sich solche Auffassungen durchgesetzt haben und auch hartnäckig halten, liegt nicht zuletzt am Meister selbst. Bert Hellinger sah es stets recht wohlwollend, wie viele Nachahmer sein Werk gefunden hat, und ermutigte alle, ihren eigenen Weg zu gehen, weil er darauf vertraute, dass dies neue Ideen und neue, ungeahnte Möglichkeiten begünstige. Diese Haltung ist nicht unbedingt falsch, in bestimmten Aspekten sogar lobenswert. Hellinger selbst nämlich hat, was seinen ganzen Nachahmern offenbar nicht klar ist, sich den Weg zu seinem therapeutischen System langsam, gründlich und mit viel Erfahrung erarbeitet, und er setzte – etwas blauäugig womöglich – voraus, dass andere Therapeuten die gleiche Ernsthaftigkeit wie er an den Tag legen würden. Als Hellinger seinen großen Durchbruch hatte, hatte er bereits viele Male erklärt, sich wegen seines Alters zur Ruhe setzen zu wollen. 1993 war er bereits 68 Jahre alt und konnte da bereits auf ein bewegtes, reiches Leben zurückblicken mit zahlreichen therapeutischen Ausbildungen und Schulungen, und vor allem einem reichen Schatz von Erfahrungen in der therapeutischen Arbeit, die alle Eingang in die Aufstellungsarbeit gefunden haben, und von denen die meisten „Therapeuten“ überhaupt nichts wissen – und vor allem, was noch schlimmer ist, das Wissen darum gar nicht für nötig erachten.

Die Aufstellungsarbeit ist folglich eine hochverdichtete Form von therapeutischen Ansätzen, von psychoanalytischen Grundlagen über Janovs primärtherapeutischen Ansatz, Methoden der Erickson’schen Hypnotherapie, der transaktionalen Skriptanalyse nach Berne, und natürlich der systemischen Therapie (Minuchin, Satir, Boszormenyi-Nagy) und die damit verbundene Technik der Familienskulptur. Ein Therapeut, der das Familienstellen seriös und mit dem Optimum seiner Möglichkeiten im Dienste seiner Klienten anwendet, sollte in all diesen Disziplinen zumindest grundlegende Ausbildungen haben (und damit meine ich nicht nur ein Wochenendseminar). Wer dies nicht hat, ist stets verdächtig, lediglich eine oberflächliche, unzureichende oder gar falsch verstandene und reproduktive katalogartige Therapie zu betreiben. Es ist sozusagen, als wolle jemand eine Symphonie komponieren, ohne je ein Instrument gelernt oder sich mit Komposition beschäftigt zu haben. In außergewöhnlichen Einzelfällen könnte das sogar klappen – meistens wird sich das aber ziemlich grauenhaft anhören. Nur: Bei einem dilettantisch zusammengeschusterten Musikstück kann man sich die Ohren zuhalten oder besser noch gleich das Weite suchen; mit einer Familienaufstellung, in der so viele intime und persönliche Dinge bewegt werden, kann man sich nicht so ohne weiteres distanzieren; ein Klient ist auf ganz andere Art verwundbar als ein Konzertbesucher – und die Folgen sind viel tiefgreifender und anhaltender.

Ein Umstand, der meiner Ansicht nach besonders heikel ist, ist, dass das Aufstellen für die meisten einfach aussieht, obwohl dies nicht so ist. Dem Laien, aber auch dem ungeschulten Therapeuten erschließt sich vom bloßen Zusehen nicht die Komplexität des Vorganges. Von daher kamen Viele eher früher als später, manchmal nach dem Ansehen eines einzigen Videos, auf die Idee: „Toll, das ist ja einfach! Das mach’ ich jetzt auch!“ – und los ging es. Hinzu gesellt sich noch, dass es ziemlich leicht ist, als Aufsteller seine Teilnehmer zu erstaunen und tief zu bewegen. Es ist keine Kunst, jemanden in einer Aufstellung zu Weinen zu bringen, etwa, wenn jemand vor seinem frühverstorbenen Vater steht. So Mancher sieht die Wirksamkeit einer Aufstellung in direkter Proportion zu den geflossenen Tränen. Das Publikum ist dann schwer beeindruckt und bringt die Heftigkeit der Bewegtheit dann in Verbindung zur „Fähigkeit“ des Therapeuten. Allein über die therapeutische Wirksamkeit ist damit noch überhaupt nichts gesagt. Sicher ist dagegen, dass auch ein Aufsteller von der emotionalen Nähe beeindruckt ist, und sich nicht selten dafür selber auf die Schulter klopft; da weht ein Hauch göttlicher Dimension über seinem Haupt.

Dies bringt einen weiteren, womöglich noch kritischeren Aspekt zum Vorschein: da es relativ einfach ist, Leute tief zu beeindrucken (auch ohne therapeutisch etwas zu bewirken), ist das Aufstellen wie geschaffen für Machtphantasien und Eitelkeiten übelster Art. Aufsteller, ob fähig oder Stümper, können sich in ihrer Macht aalen, Menschen in tiefste Trauer und höchstes Glück zu führen. Für den Therapeuten besteht kaum ein Risiko, da der bühnenwirksame Effekt kaum zu vermeiden ist. Und wenn es schief geht, war es etwas „Höheres“, man ist lediglich „in den Dienst genommen“, oder natürlich: „Du (= der Klient) bist noch nicht so weit.“ So sah ich einmal, wie eine Therapeutin eine Klientin, die unter schweren Angstzuständen litt, mit ihrer Mutter, von der sie in der Kindheit schwer misshandelt worden war, „aussöhnen“ wollte. Anstatt die Klientin aber dort hinzuführen, also ihr schrittweise und für sie emotional annehmbar zu zeigen, wo die Liebe ihrer Mutter dennoch zu finden ist, und das tragische Schicksal der Mutter vor Augen zu führen, stellte sie sie sofort vor die Mutter und verlangte von ihr, sich vor ihr zu verneigen. Den bedeutenden Grundsatz des großen Milton Erickson, dass man als Therapeut den Klienten dort abholen muss, wo er steht (der gerade für des Familienstellen von zentraler Bedeutung ist!), hatte sie damit komplett ignoriert; die Klientin hatte vielmehr zu spuren, im Sinne von: Tu was ich dir sage, hinterfrage es nicht, du wirst schon sehen dass das gut für dich ist! Dementsprechend war der Effekt: Die Klientin war natürlich überrumpelt, und wollte die Verneigung verständlicherweise nicht ausführen. Anstatt einfühlsam noch ein paar Umwege zu gehen und der ihr noch weitere Umstände in ihrem System erfahrbar zu machen, verlegte sich die Therapeutin darauf, die Klientin unter Druck zu setzen. Sie zwang sie, niederzuknien und wollte, dass sie „Mama, ich hab’ dich lieb!“ sagte – was natürlich noch weniger funktionierte. Schließlich brach sie die Aufstellung ab mit den Worten: „Dann musst du halt für den Rest deines Lebens mit deinen Ängsten herumlaufen.“

Katastrophale Problemhypnosen, in früheren Zeiten treffenderweise „Fluch“ genannt, nicht selten aus gekränkter Eitelkeit (der dumme bzw. renitente Klient wagt es, das Wort Gottes anzuzweifeln, wo der Therapeut es doch nur gut meint[3]!), habe ich in schöner Regelmäßigkeit sehen müssen, zumeist auf Kongressen, wo die Aufstellungsarbeit in vielen Workshops zu beobachten ist. Erschreckenderweise sind es sogar prominente Namen, zuweilen sogar Autoren von (durchaus gut geschriebenen) Publikationen zum Thema, die alles andere als gute Aufstellungsarbeit machen. Nicht immer sind es solch destruktive Entgleisungen wie beim letzten Beispiel, oftmals aber Interventionen, die dermaßen oberflächlich oder „neben der Spur“ sind, dass ich mich oft frage, ob diese „Therapeuten“ sich jemals eigene kritische Gedanken über das eigentliche Wesen der Aufstellungsarbeit gemacht haben. Die Oberflächlichkeit bzw. Abwegigkeit vieler Aufstellungen rührt aber auch daher, dass es seit geraumer Zeit Usus ist, wenig oder gar nicht zu explorieren. Dies bedeutet, dass der Therapeut, der den Klienten überhaupt nicht kennt, nach einer einzigen Frage bezüglich des Anliegens ohne weitere Informationen einzuholen sofort aufstellt und dann alles weitere dem überlässt, was sich dann zeigt. Trotzdem greift der somit uninformierte Therapeut sehr direktiv ein, indem er bestimmt, welche Familienmitglieder überhaupt aufgestellt werden oder welche Lösungssätze gesagt werden sollen. Damit begibt sich ein solcher Therapeut gleich mehrfach auf ein sehr zwielichtiges Glatteis:

a) Entweder, er ist konsequent und überlässt wirklich kommentarlos alles dem sogenannten „Wissenden Feld“ (so wie Hellinger es heutzutage als „angewandte Philosophie“ praktiziert) - nur ist das dann keine Psychotherapie mehr und gehört mehr in einen Esoterikzirkel oder ein spirituelles Zentrum als in eine psychotherapeutische Praxis. Nicht, dass der Klient damit nicht Erkenntnisse gewinnen könnte, von denen er profitiert; er wird damit aber um sein eigentliches Anliegen betrogen, denn er sucht ja in aller Regel Hilfe und Heilung. Darüber hinaus ist keineswegs immer gewährleistet, dass die Stellvertreter tatsächlich authentisch fühlen[4]. Dies wird oft in einer derartigen Naivität als gegeben vorausgesetzt, dass ich mich oft frage, was von dem wissenschaftlichen Studium, dass viele ja absolviert haben, überhaupt noch übrig ist[5].

b) Er will irgendwie doch noch therapeutisch arbeiten und leitet durch ein paar Interventionen die Aufstellung in Bahnen, die ihm richtig erscheinen – aber was „richtig“ ist, kann er ja gar nicht wissen, dazu bräuchte er Hintergrundwissen, das er nicht erfragt hat. Die Gefahr, dass eigene Vorstellungen (oder gar ein aus Hellinger-Büchern auswendig gelerntes Katalogwissen) dem Klienten aufgenötigt werden, ist extrem groß. Im günstigsten Fall endet eine Aufstellung dann, wie so oft – mit dem Kommentar: „Da ist noch etwas, aber das wissen wir jetzt nicht. Da müsste man nochmal sehen…“ Dem Klienten wird dann nahegelegt, gleich das nächste Seminar zu buchen.

Einige Aufsteller wehren sich sogar vehement dagegen, eine wichtige Information zu bekommen, bei gleichzeitig autoritärer Attitüde des Meisters. Bei einer ellenlangen Aufstellung, die weit über eine Stunde dauerte, ohne dass ein überzeugendes Ergebnis zustande gekommen wäre, und wo der Therapeut dem Klienten stets bedeutet hatte, zu schweigen, als der ihm immer wieder etwas mitteilen wollte, setzte sich der Klient endlich über das Gebot des Aufstellers hinweg und platzte mit der Information heraus: „Mein Vater hat sich umgebracht, als ich 5 Jahre alt war!“ Der Therapeut, der sich bereits im Vorfeld auf den Familienzweig der Mutter festgelegt hatte, antwortete ihm, als das Raunen im Saal abgeklungen war: „Da gehe ich jetzt nicht drauf ein. Was hast Du jetzt gemacht? Du hast all das abgewertet, was wir uns hier erarbeitet haben!“[6]

Ein weiterer Missstand ist, dass zahlreiche Aufsteller wohl „Familienaufstellungen“ anbieten, dann aber gar keine machen, sondern gestalttherapeutische Rollenspiele, und dies auch noch am zentralen Thema vorbei. Auch hier kann ich mit einem selbst beobachteten Beispiel dienen: Ein etwa 50jähriger Mann klagt über starke Ängste und Unsicherheiten. Er ist alleinstehend, hat noch nie eine längere Partnerschaft gehabt. In der kurzen Exploration berichtet er vom frühen Tod seines Vaters. Den Therapeuten interessiert dies aber weniger, obwohl die Dramatik dieses Sachverhaltes direkt zu seinem Leiden passt: Früher Verlust, Verlassenheitsproblematik, Unsicherheiten in der Identifikation als Mann, etc. Stattdessen kommt die Frage: „Wer hat Angst in deiner Familie?“ Der Klient gibt an, dass seine Mutter sehr ängstlich sei. Der Therapeut sagt: „Dann stell’ auf: Deine Mutter und ihre Angst.“ In der insgesamt etwa fünfminütigen Aufstellung sinkt die Angst langsam zu Boden. Zum Abschluss wird der Klient dazugenommen und soll der Angst sagen: „Ruhe in Frieden.“

Dies ist keine Familienaufstellung, sondern ein oberflächliches Ritual, dem ich nur sehr begrenzte Wirkung zuzuschreiben wage. Der gleiche Therapeut demonstrierte im selben Workshop noch einen weiteren Kunstfehler: Eine Traumapatientin, die seit einem schweren Verkehrsunfall unter starken Ängsten litt, kam zur Aufstellungsarbeit. Sie hatte bereits drei Jahre lang Freud’sche Analyse gemacht, ohne dass die Ängste abgenommen hätten. Allein diese Tatsache ist haarsträubend. Was soll eine Psychoanalyse bei einer posttraumatischen Belastungsstörung ausrichten? Und selbstverständlich ist dies kein systemisches Thema! Der Therapeut machte aber keineswegs das, wozu er eigentlich verpflichtet gewesen wäre, nämlich der Patientin eine spezielle Traumtherapie oder wenigstens Verhaltenstherapie (z.B. Flooding) zu empfehlen. Nein, es wurde aufgestellt. Wieder kam: „Stell mal auf: Du und deine Angst.“ Beide Protagonisten liefen langsam im Raum umher, zum Schluss stand die Patientin einträchtig neben ihrer Angst. Ein stimmiges Bild: Klar, die Angst schützt sie vor weiteren Gefahren; dies ist ja ihre Funktion. Nur: Hätten wir das ohne diese „Aufstellung“ nicht gewusst? Mehr hatte der Leiter des Workshops nicht zu bieten. In weiteren Aufstellungen stellte noch Ohrenschmerzen, Gebärmutterkrämpfe und Migräneanfälle auf, die den Klientinnen stramm hinterhermarschierten.

Insgesamt muss also festgehalten werden, dass die Originaltherapie nach Hellinger zahlreichen mehr oder weniger merkwürdigen bis absurden Modifikationen unterzogen wurde, so dass es mittlerweile schwierig ist, überhaupt von einem therapeutischen Verfahren zu sprechen. Es handelt sich eher um eine großen Strauß mit vielen verschiedenen, sehr unterschiedlich geratenen Blüten – nicht alle duften gut - und einigen tiefen, einigen seichten, einigen fauligen Wurzeln. Nur alle schmücken sich mit dem Prädikat „Hellinger“ – und das funktioniert auch noch meistens, zumindest kommerziell.

Auch an diesem Dilemma ist Bert Hellinger selbst nicht ganz unschuldig. Als er anfing, als Therapeut berühmt zu werden, etwa ab Mitte der 70ger Jahre, als es schon bald schwierig wurde, überhaupt einen Therapieplatz bei ihm zu bekommen, war er noch ein „richtiger“ Therapeut, und ein brillanter dazu. Natürlich fanden seine Seminare unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt, so wie es sich gehört. Und: Er machte Wochenseminare. Dort wurde sich ganz behutsam an das komplexe Thema herangepirscht, es vergingen oft mehrere Tage, bis die erste Aufstellung stattfand. Zu diesem Zeitpunkt war der Therapeut über alle Details der Familiengeschichte informiert und entsprechend vorbereitet. Dementsprechend genau und zielgerichtet verliefen die Aufstellungen, und der Klient hatte nicht nur Erlebnis von Lösung und Perspektive, sondern hatte sich auch eine Menge Wissen erworben. Und natürlich musste nichts übers Knie gebrochen werden; es war die nötige Zeit da, die die Seele braucht.

Als nun der große Popularitätsdurchbruch kam, wurden es immer mehr Menschen, die den großen Hellinger sehen wollten, und es wurden so viele, dass an normale Seminare nicht mehr zu denken war. Dies war die Geburtsstunde der Massenveranstaltungen auf großen Bühnen, die anfangs nur deshalb immer größer wurden, weil Hellinger keinem etwas verweigern wollte. Als unser Kölner Institut 1995 ein dreitägiges Seminar mit ihm veranstaltete, hatten wir ohne jegliche Werbung machen zu müssen über 2000 Anmeldungen! Bert Hellinger praktizierte nunmehr gar keine richtige Psychotherapie mehr, sondern machte Großveranstaltungen, um seine spezielle Methode vorzustellen und bekanntzumachen. Damit war natürlich keine Zeit für lange Explorationen gegeben.

Nun, Hellinger machte aus dieser Not eine Tugend, zumal er aus unzähligen Aufstellungen gelernt hatte, dass man sich auf das, was die Stellvertreter fühlen, schon ganz gut verlassen kann. Das Problem war nur, dass sich dies mit seiner immer noch sehr direktiven, oftmals apodiktischen Art schlecht vertrug. Es kam ständig zu Schnellschüssen, also falschen Hypothesen und Schlussfolgerungen, die erst nach und nach durch nachträglich eingeholte Informationen notdürftig korrigiert werden konnten[7]. Viele Aufstellungen zogen sich so unnötig in die Länge, es gab völlig überflüssige Irrwege und Sackgassen. Ich erinnere mich an eine fürchterliche Aufstellung, wo er ein Paar mit zwei Kindern aufstellte, und wo er dann, nachdem das System schon aufgestellt war, erst erfuhr, dass die Frau von ihrem Vater sexuell missbraucht worden war, obwohl die Frau allein optisch schon sehr auffällig war[8]. Die Kinder, die er erst nahe zur Mutter gestellt hatte, weil die Aufstellung selber einen eher unsicheren Ehemann gezeigt hatte, wurden dann von ihr weg gestellt und zum Vater, und als Verstärkung wurde dem Ehemann noch dessen Vater in den Rücken gestellt, wo der sich anlehnen sollte, um die „männliche Kraft“ zu nehmen. Dann begann die Frau plötzlich laut zu schluchzen, und sie erzählte, dass die eigenen Kinder ebenfalls sexuell missbraucht worden waren – aber nicht von ihrem Vater, sondern vom Vater ihres Mannes, eben jenem der gerade noch als Lieferant für „männliche Kraft“ hatte fungieren sollen! Wieder musste alles umgestellt werden, der Mann musste jetzt seinem Vater die Meinung sagen, die Kinder wanderten wieder zur Mutter, etc. Kurz: es war ein Fiasko.

Anstatt nun den Rückwärtsgang einzulegen und wieder zu der bewährten, ausführlichen Exploration zurückzukehren, trat Hellinger die Flucht nach vorne an, und strich die Exploration schließlich völlig vom Therapieplan. Stattdessen führte er die „Bewegungen der Seele“ ein, eine m.E. durchaus sinnvolle Ergänzung der Aufstellungsarbeit, bei der die Stellvertreter nicht nur ihre Befindlichkeit äußerten, sondern sich auch im Raum bewegen durften, um auf diese Weise die Dynamik, in der sie steckten, Ausdruck zu verleihen. Nur praktizierte Hellinger dies derart radikal, dass irgendwann nach einer Problematik oder dem familiären Hintergrund gar nicht mehr gefragt wurde, und auch nach dem Ende, wenn die Protagonisten schweigend und unendlich langsam durch den Raum gegangen, geschwebt, geglitten waren, in sich zusammengesunken waren, sich am Boden gewälzt hatten oder weitere Strecken kriechend zurückgelegt hatten, alles schweigend und kommentarlos belassen wurde; Fragen und Erläuterungen waren nicht gestattet – weil es dem Geschehenen dann „an Kraft nähme“.

In extremen Fällen stellte er noch nicht einmal mehr auf. Der Klient setzte sich nur neben ihn, sein Anliegen sollte er auch gar nicht äußern. Schweigend saßen sie so manchmal 10 Minuten nebeneinander, manchmal nahm er die Hand des Klienten, manchmal auch nicht. Nach der stummen „Meditation“ (?) war die Intervention beendet. „Doing by Non-Doing“ nannte er das.

Nun, all diese Phasen, die Hellinger selbst vorlebte, wurden von seinen Nachahmern bereitwillig übernommen und teilweise derart statisch kopiert, dass es zuweilen lächerlich wirkte. Dazu gehörte nicht nur die jeweils aktuelle Methodik und themenbezogene Aufstellungsstrategie (Was macht Hellinger bei Magersucht? Ich schlag’ mal in „Ordnungen der Liebe“ [9] nach…), sondern auch Wortwahl und Gehabe des Meisters, seine Strenge, seine Härte, seine Selbstgerechtigkeit – ohne aber zumeist das Liebevolle und Einfühlsame zu erreichen, das Hellinger immer, neben aller Kritik, auszeichnet. Auch der Modus, Aufstellungsarbeit an Wochenenden zu praktizieren, stammt aus der Zeit, wo die großen Massenveranstaltungen begannen. Dabei ist diese ein viel zu kurzer Zeitraum, um diese intensive Arbeitadäquat ausüben zu können. Wenn man bedenkt, dass an einem einzigen Wochenende nicht selten 20 bis 30 Aufstellungen durchgehudelt werden, kann man sich denken, wie es da um Gründlichkeit, Tiefe und Absicherung bestellt ist.

Interessant in diesem Zusammenhang ist, dass den ganzen absurden Fehldeutungen, Verfremdungen und schlechten Kopien, von denen die Hellinger-Szene durchsetzt ist, auch die ganzen Hellinger-Kritiker aufgesessen sind, die in ihren undifferenzierten Polemiken fast permanent beweisen, dass sie im Grunde keine Ahnung von der Materie haben. Die Szene dieser Kritiker habe ich in einem eigenen Aufsatz behandelt.

Ich persönlich habe mich von all dem dadurch zumindest zeitweise etwas distanziert, indem ich Cartoons über Hellinger und seine Jünger zeichnete. Tatsächlich konnten die meisten Kollegen darüber lachen – was mir zeigte, dass das kritische Denken in der Szene wohl doch weiter verbreitet ist, als ich eine ganze Weile befürchtete.

Wie komme ich nun in den Genuss einer seriösen Familienaufstellung?

Die Frage lässt sich freilich nicht erschöpfend beantworten, ich empfehle aber, folgende Kriterien eingehend zu prüfen:

Fühle ich mich bei diesem Therapeuten überhaupt wohl? Habe ich den Eindruck, dass er kompetent ist und mich persönlich auch sieht?

Dies ist ohnehin eine wichtige Grundlage für jede Psychotherapie. Ein Therapeut, dem sie mistrauen, wird ihnen wenig nützen. Zudem ist es eine alte Erkenntnis, dass die persönliche Beziehung (Vertrauen, Gefühl von Verständnis und Geborgenheit, Persönlichkeit des Therapeuten, sagt mir der Therapeut auch unbequeme Wahrheiten oder redet er mir nach dem Mund, etc.) eine größere Rolle beim therapeutischen Erfolg spielt als die eigentlichen Techniken. Letzteres lässt sich lernen, ersteres nicht. Vereinbaren sie daher am besten ein oder mehrere Erstgespräche und lernen sie den Therapeuten kennen, bevor sie sich ihm anvertrauen. Bietet er keine Erstgespräche an oder verweigert er diese aus anderen Gründen, so ist dies ein Anhaltspunkt für Unseriosität.

Hat der Therapeut Erfolg?

Erfahrungsberichte von anderen, die mit dem Therapeuten schon gearbeitet haben, können gute Quellen von Sicherheit sein. Allerdings gibt es auch Fälle, wo jemand z.B. bereits 7 Jahre in Therapie ist, darin schon eine Menge Zeit und Geld investiert hat, und allein deshalb seine Therapie gut finden muss und dementsprechend behauptet, die Therapie sei vortrefflich, obwohl Heilerfolge nicht zu finden sind. Schauen sie am besten, ob der Mensch sich tatsächlich positiv verändert hat und ob er konkrete Ergebnisse schildern kann. Seien sie misstrauisch, wenn jemand behauptet, die Wut auf seine Eltern in der Therapie gelernt zu haben. So etwas hat selten jemandem geholfen.

Hat der Therapeut eine entsprechende Ausbildung und Erfahrung?

Wenn Sie sich an einen approbierten Arzt oder Psychologen wenden, haben sie damit wenigstens schon einmal die Sicherheit, dass ein wissenschaftliches Studium und eine kassenzugelassene Therapieausbildung absolviert wurden. Das heißt zwar noch lange nicht, dass Derjenige auch ein guter Therapeut ist, aber immerhin. Natürlich dies heißt dies schon gar nicht, dass dieser Therapeut auch ein guter Aufsteller ist. Die Behauptung, Hellinger persönlich gelernt zu haben, kann auch bedeuten, dass derjenige sich lediglich mal ein Video von Hellinger angesehen hat. Auch die Präsenz in einer offiziellen Aufstellerliste heißt noch gar nichts. Entscheidend ist zudem: Hat der Therapeut fundierte Kenntnisse in systemischer Therapie, Primärtherapie, Skriptanalyse und Hypnotherapie?

Bietet der Therapeut Nachbetreuung an bzw. bettet er die Aufstellungsarbeit in eine umfassende Therapie ein?

Es ist zwar durchaus möglich, dass ihnen ein Aufstellungsseminar reicht. Die Möglichkeit, nachbetreut zu werden bzw. das Erfahrene in Einzelstunden zu vertiefen oder auch vorzubereiten muss aber gegeben sein, wenn jemand es braucht. Alles andere ist unseriös und daher abzulehnen.

Bietet der Therapeut längere Seminare an oder beschränkt sich sein Wirken auf Wochenenden oder womöglich nur einzelne Tage oder gar Abende?

Meiner Ansicht nach sind Wochenenden grundsätzlich unseriös. Die Zeit ist viel zu kurz für die relevanten seelischen Prozesse. Oftmals ist die Veranstaltung schon zu Ende, wenn sich die innere Bereitschaft für eine intensive Arbeit erst anfängt zu regen. Viele Prozesse können überhaupt nicht zu Ende geführt werden. So Manches kann überhaupt nicht thematisiert werden. Letztendlich ist man dann doch wieder gezwungen, zu mehreren Seminaren zu gehen. Dadurch ist man aus den Prozessen aber immer wieder herausgerissen, man bezahlt einen Haufen Geld, und bekommt relativ wenig dafür. Es ist zunächst lediglich der Reiz da, innerhalb zweier Tage (oder weniger) für wenig Geld das (scheinbar) Gleiche zu kriegen, wie in einer sonst so aufwändigen Woche. Das ist aber eine Milchmädchenrechnung. Mein Tipp: Tun sie sich keine Light-Version oder Schlimmeres an, nur um ein paar Euro zu sparen. Ausnahmen gelten eingeschränkt lediglich für ausführliche Vorbereitungen, die der Therapeut ggfs. im Vorfeld des Seminars vornimmt. In jedem Fall sind Wochenenden aber relativ oberflächlich im Vergleich zu dem, was ein Vorgehen nach Hellingers ursprünglichen Original-Methode (d.h. eine ganze Woche) leisten kann. Vielleicht kann man auch mit einem Fahrrad nach Afrika fahren – mit einem guten stabilen Jeep geht es entschieden besser, sicherer und zuverlässiger. Er ist halt ein bisschen teurer - zunächst. Auf längere Sicht spart man Zeit und Geld.

Bietet der Therapeut das klassische Familienstellen an oder andere Formen?

Das „klassische“ Familienstellen ist Bert Hellingers ursprüngliche, originale Methode, durch die er so erfolgreich und so bekannt geworden ist. Hier finden auch die wichtigen therapeutischen Techniken Eingang, die diese Form des Arbeitens über die meisten anderen therapeutischen Verfahren weit hinaushebt. Alle anderen Formen, wie sie heutzutage praktiziert werden, hätten meiner Auffassung nach nie so einen Erfolg haben und so ein Aufsehen erregen können. Ihr derzeitiger Erfolg lässt sich in erster Linie durch das Fahrwasser der Originalmethode erklären, in dem sie sich bewegen. Ansonsten sind es in erster Linie „Verschlimmbesserungen“, also Deviationen von mehr oder weniger fragwürdigem therapeutischem Wert. Das muss nicht bedeuten, dass diese Verfahren schädlich sind. Sie bringen nur nicht sonderlich viel. Es ist nun mal kein Zufall, dass die Originalmethode diesen großen Erfolg und die große Verbreitung erfahren hat. Die Mona Lisa wird ja auch nicht „besser“, wenn man sie (schlecht) kopiert oder „weiterentwickelt“ – warum sollte man das bei etwas, das ohnehin schon so ausgereift und gut gelungen ist auch tun? Dies gilt auch für die neuen Wege, die Hellinger selber inzwischen geht, die meiner Auffassung nicht mehr viel mit Psychotherapie zu tun haben. Auch die „Strukturaufstellungen“ von Matthias Varga von Kibéd sind eine eigenständige, aber nicht unbedingt bessere Art von Aufstellungsarbeit, in der das so wichtige systemische Arbeiten eher wieder zurücktritt, und stattdessen Symbole, Begriffe, Sätze oder Körperteile aufgestellt werden. Kann man alles machen – man kann es aber auch lassen.

[1] Zweierlei Glück. Die systemische Psychotherapie Bert Hellingers. Carl Auer Verlag 1993

[2] Ein Terminus, den Albrecht Mahr in die Literatur eingeführt hat, um die verblüffend stimmige Information, die sich in den Aufstellungen erschließt, metaphorisch darzustellen.

[3] Sigmund Freud hatte das gleiche Problem und nannte es „Widerstand“ des Patienten. Dass es zur Aufgabe des Therapeuten gehört, eine Atmosphäre für Kooperation zu schaffen war ihm fremd – er sah sich, wie viele Psychotherapeuten auch heute noch, als Meister, der mehr weiß als der „Patient“, und dessen Erkenntnis das Entscheidende ist, der der „Leidende“ letztlich zu folgen hat.

[4] Hellinger selbst hat auf diesen Umstand immer wieder hingewiesen.

[5] Zur Erinnerung: Wissenschaftliches Arbeiten beinhaltet die Kriterien der Objektivität, Validität (Gültigkeit) und Reliabilität (Wiederholbarkeit).

[6] Auch bei diesem Beispiel handelt es sich um einen prominenten Therapeuten.

[7] Hellinger hatte stets die Größe, sich zu korrigieren und eigene Irrtümer zuzugeben – ein Umstand, den weder seine Nachahmer noch seine Kritiker zu kennen scheinen.

[8] Sie war gekleidet wie ein Kind: Röckchen, Kniestrümpfe, Schleife im Haar und sprach mit gepresster, hoher Stimme.

[9] Ordnungen der Liebe. Ein Kurs-Buch von Bert Hellinger. Carl Auer Verlag 1994.

© Andreas Steiner 2007