Sigmund Freud (*1856 in Freiberg, † 1939 London)
mit seiner unvermeidlichen Zigarre, die er auch während der Therapiesitzungen rauchte




Kaum eine Person wird mit der „klassischen“ Psychotherapie so in Verbindung gebracht, wie der Wiener Arzt Sigmund Freud (1856-1939). Freud wurde als Sohn eines jüdischen Wollhändlers in Freiberg (heute: Příbor, Mähren) als Sigismund Schlomo Freud geboren. Die Familie zog bald darauf nach Wien, wo er seine Kindheit und Jugend verbrachte. Nach der Matura nahm er ein Medizinstudium auf, wurde bereits 1885 Privatdozent und ein Jahr später Facharzt für Neuropathologie. Er beschäftigte sich mit Hirnanatomie und der Wirkung des Kokains. 1886 heiratete er nach vierjähriger Verlobungszeit Martha Bernays, Tochter aus einer Hamburger jüdischen Familie. Aus der Ehe gingen sechs Kinder hervor, darunter Anna Freud (1895-1982), die später das Werk ihres Vaters fortsetzte und eigene Perspektiven dazu entwickelte. Im Lauf der Zeit kam es zu bedeutenden Publikationen, durch die sich schließlich eine breite psychoanalytische internationale Bewegung entwickelte, der so klangvolle Namen angehörten wie C.G. Jung, Alfred Adler, Otto Rank, Wilhelm Stekel, Sándor Ferenczi, Wilhelm Reich, Karl Abraham oder Helene Deutsch. 1902 wurde er außerordentlicher Professor, und erhielt 1930 den Goethe-Preis. Dies wurde bereits damals von antisemitischen Bewegungen heftig kritisiert. Nach der Machtergreifung der Nazis musste Freud mit seiner Familie 1938 nach England fliehen, seine Bücher wurden öffentlich verbrannt. Bis zu seinem Tod durch Gaumenkrebs praktizierte und lehrte er in London.

Freuds Einfluss damals und heute ist nach wie vor groß, denn durch Freud wurde geradezu die populäre Epoche der Psychologie eingeläutet. Seine Beobachtungen und Beschreibungen unbewusster Prozesse waren in der Tat bahnbrechend. Er beeinflusste nicht nur die gesamte psychologische und medizinische Wissenschaftsentwicklung, sondern auch die Kunst und Kultur nachhaltig, sowie Ästhetik, Religionswissenschaft, Philosophie, Anthropologie und Ethnologie.

In einer Zeit der aufklärerischen Wissenschaftstradition, in der man gemeinhin davon ausging, dass der menschliche Verstand alles begreifen und verstehen könnte, beschrieb Freud, dass es verdrängte, unbewusste Seiten in der menschlichen Seele gibt, die einer Eigengesetzlichkeit folgen und die der bewussten Kontrolle nicht zugänglich sind. Dies war zu der damaligen Zeit eine ungeheuerliche Behauptung und einem völlig verstandesgläubigem Fachpublikum nur schwer vermittelbar. Erste Erkenntnisse darüber erlangte er durch die Arbeiten Jean-Martin Charcots (1825-1893), der seelisch-körperlich kranke Frauen, die organisch aber ohne Befund waren, mit Hypnose behandelte. Gemeinsam mit dem Arzt Josef Breuer (1842-1925) kam er dann später („Studien über Hysterie“, 1895) zu der Erkenntnis, dass die Ursache seelischer, zuweilen ins Körperliche verlagerter Störungen (Hysterien) verdrängte Inhalte sind, die der Betroffene aus seinem Bewusstsein verbannt, weil er sie nicht wahrhaben will, etwa weil er sich davor erschreckt oder sie tabuisierten, meist sexuellen Bedürfnissen entsprechen und besonders in der prüden Zeit der Jahrhundertwende nicht gelebt werden durften. Das verdrängte, triebhafte Bedürfnis wirkt aber untergründig weiter und verursacht Symptome. Der Patient tausch gewissermaßen ein seelisches Problem gegen ein körperliches aus.

Da Freud mit der Technik der Hypnose nicht zurecht kam, verwarf er sie zugunsten einer „bewussteren“ Reihe von Methoden, um das Verdrängte wieder verfügbar zu machen, nämlich die Deutung von Träumen, die freie Assoziation und die Auswertung der Fehlleistungen (Versprechen, vergessen, etc.). Dadurch, dass durch die Analyse verdrängte Inhalte aus der Kindheit wieder verfügbar gemacht werden, sollten sich die neurotischen Symptome auflösen. Zudem entwickelte er ein psychodynamisches Persönlichkeitsmodell, um die menschliche Psyche nachvollziehbar und verständlich zu machen. Neben dem Ich als zentraler, ordnender Instanz gibt es das Es, der triebhafte Teil der Seele, der nach Erfüllung drängt, aber von dem Ich in Auseinandersetzung mit der Außenwelt begrenzt und kanalisiert wird. Hinzu kommt das Über-Ich, das die Normen, Werte und Verbote der eigenen Eltern repräsentiert und ebenfalls regelnd eingreift und womöglich nachhaltig für Verdrängungen verantwortlich ist, wenn die eshaften Triebmotive den Normen des Über-Ichs widersprechen.

Zudem beschrieb Freud die menschliche psychosoziale Entwicklung in Form von Phasen, die jeweils an bestimmte sexuelle Bedürfnisse und Fähigkeiten gekoppelt sind. Dies hat damit zu tun, dass mit fortschreitender Entwicklung verschiedene Körperzonen an Bedeutung gewinnen, so etwa der Mund beim Säugling, der zum Saugen, später zum Beißen gebraucht wird und damit gleichzeitig einen sozialen Kontakt zur Mutter herstellt. Daher sind dies die oral-sensorische, muskulär-anale, phallisch-lokomotorische Phase, Latenzphase, Pubertät, frühes und spätes Erwachsenenalter und Reife. Störungen verweisen auf charakteristische Fixierungen an bestimmte dieser Phasen, in denen entsprechend dramatische Erfahrungen gemacht wurden. 

Freuds Therapie, die auf diesen Grundvoraussetzungen aufgebaut war, war konzipiert als intensiver Austausch zwischen Patient und Analytiker. Der Patient liegt dabei in der Regel auf einer Couch, der Analytiker bleibt möglichst unsichtbar am Kopfende sitzen, und tritt als eigene Persönlichkeit möglicht gar nicht in Erscheinung, sondern stellt sich vielmehr als Medium für das Erkennen zur Verfügung, sowie zur Projektion verdrängter Wünsche und Regungen, die eigentlich anderen Personen gelten, etwa den eigenen Eltern. Insofern gehört es zum Konzept der Behandlung, dass PatientInnen sich in den Analytiker verlieben; der Analytiker muss aber eventuell auch Wut und Enttäuschung des Patienten mit diesem austragen. Der Patient kommt etwa dreimal die Woche zu stündlichen Sitzungen, in dem die Analyse stattfinden. Die meisten Analysen dauern mehrere Jahre und gelten als beendet, wenn die Übertragungen verdrängter Regungen auf den Analytiker aufhören.  

Freud war bereits zu Lebzeiten schweren Angriffen ausgesetzt, vor allem wegen seiner starken Betonung der Sexualität als Haupttriebfeder menschlicher Entwicklung, was als „Pansexualismus“ kritisiert wurde. Gerade darin ist er aber missverstanden worden, denn er verstand unter Sexualität im psychologischen Sinn allgemein ein körperliches Empfinden von Lust.

Weitaus tiefgreifender und wichtiger ist, dass Freuds Psychoanalyse empirischen Untersuchungen nicht standhält und überhaupt kein wirksames Therapiekonzept ist. Die meisten seiner „Heilerfolge“ hat Freud schlichtweg erfunden. Alle (lediglich neun!) von Freud dokumentierten Fälle sind therapeutische Reinfälle ohne nennenswerten Behandlungserfolg. Freud behauptete nicht nur das Gegenteil, er widersetzte sich grundsätzlich jeder Kritik und wissenschaftlicher Überprüfung. In seinem Junktim Dekret (1927) erhebt er den Analytiker praktisch als einzige, heilend als auch gleichzeitig forschende Institution, die ihre Gültigkeit aus sich selbst heraus legitimiert, in der Art eines hermeneutischen Zirkels. Der Analytiker hat eine Überprüfung der Sinnhaftigkeit seines Tuns nicht nur nicht nötig, eine wissenschaftliche Überprüfung von außen ist überhaupt nicht gestattet. Er vertritt damit eine Art Auserwähltheitsgedanken, der besagt, dass alles, was er als Analytiker tut, sakrosankt ist. Diese Grundhaltung vertrat Freud sowohl PatientInnen als auch Kollegen gegenüber. Wenn Patienten mit seinen Deutungen nicht einverstanden waren, interpretierte Freud dies als „Widerstand“.

Gegen eigenständige Kollegen wie etwa Alfred Adler oder Wilhelm Stekel ging Freud rigoros vor, und gegen Carl Gustav Jung, der es wagte, in einigen Punkten nicht mit ihm konform zu gehen, rief er ein Geheimkomitee ins Leben, das gegen den abtrünnigen Schüler vorgehen sollte, gleich einer verschworenen Jüngerschaft, die sich geschlossen hinter ihren Meister stellt. Religiös-Sektenhafte Strukturen finden sich in der Psychoanalyse bis heute.

Freuds Eitelkeit und sein Geltungsbedürfnis fielen auch die Bedürfnisse seiner Patientinnen zum Opfer. Als er in intimen Patientinnengesprächen er von diversen sexuellen Missbräuchen durch Familienangehörige - in erster Linie durch deren Väter – erfuhr, wurde er wegen dieser hochexplosiven Entdeckung von vielen Kollegen geschnitten. So erklärte er die Erlebnisse kurzerhand zu Phantasieprodukten und wurde wieder gnädig in die Gilde seriöser Zeitgenossen aufgenommen.

Als extrem problembehaftet erwies sich die psychoanalytische Beziehung zwischen dem (meist männlichen) Analytiker und seiner Patientin. Freud hatte die Abstinenzregel eingeführt, die besagt, dass keinerlei private Kontakte zwischen Analytiker und AnalysandIn stattzufinden habe. Nahezu alle namhaften Analytiker aber gingen zum Teil gleich mehrere sexuelle Beziehungen mit ihren Patientinnen ein, es gibt also geradezu eine Chronique scandaleuse der Psychoanalyse. Freud selbst verletzte seine eigene Regel ständig und analysierte seine eigene Tochter.

Ebenfalls äußerst problematisch war Freuds Begeisterung für das Kokain. Er propagierte es als wahres Zaubermittel und betätigte sich völlig unkritisch als Kokain-Missionar. Ein Freund von ihm, der Arzt Ernst von Fleischl-Marxow, den er zum Kokain-Konsum „bekehrt“ hatte, verstarb 1891 an den Folgen. Freud blieb auch später unbelehrbar, obwohl namhafte Kollegen wie Erlenmeyer und Krafft-Ebing vor der Gefährlichkeit der Droge oft genug warnten. Er schickte seiner Verlobten regelmäßige Dosen, drängte es Freunden und Kollegen auf und gab es seinen Schwestern. Bezeichnend auch hierbei ist, dass in vielen Freud-Biographien diese Fehler Freuds heruntergespielt, verdreht oder auch völlig verschwiegen werden. Auch das Kokain wird Vielenorts gar nicht er erwähnt. Freud war außerdem bis zu seinem Tode nikotinsüchtig und rauchte täglich 20 (!) Zigarren.

 

Freuds Original-Couch in seinem Wiener Behandlungszimmer


Über Freud wurden sowohl zu Lebzeiten als auch später Witze gemacht, besonders über seine starke Betonung der Sexualität, obwohl dies eine unzulässige Vereinfachung seiner Thesen ist.


Freud und das „Geheime Komitee“.
Wir erkennen oben, v.l.n.r:
Rank, Abraham, Eitington, Jones.
Unten v.l.n.r.:
Freud, Ferenczi, Sachs.

Die Erstausgabe von Freuds bedeutendem Werk „Die Traumdeutung“ (1900).